Dienstag, 20.11.2012

Mein Dad hatte mich gezwungen, sie für heute einzuladen, also war sie da, meine Mutter. Ich wollte sie nicht sehen, hatte mich gewehrt, aber er hat mich erpresst, sodass ich nicht mehr Nein sagen konnte. Also habe ich sie angerufen. Ihr hinterfotziges "Wenn du mich wirklich dabei haben willst, komme ich natürlich" hat mich nur noch machtloser fühlen lassen. Nein, ich will nicht, dass du kommst, aber du musst, Papa will das. Ich habe mich so oft gefragt, warum die beiden so sind, warum er sich nur in sie und nicht in mich hineinversetzt, warum ich mich nach 18 beschissenen Jahren wieder klein machen lasse. Die Antwort hat mir ausgerechnet meine Tante gegeben, die, die laut meiner Mutter immer eine "ätzende, schreiende Kuh" gewesen ist. Jetzt weiß ich auch wieso: Weil sie als Einzige gesehen hat, wie meine Mutter wirklich ist. Sie hat mir einiges erzählt, was mein Vater mir verschweigen wollte, wegen "der Familienharmonie". Was für eine Familie ist das bitte noch? Es war nie wirklich eine. Meine Mutter hat meinen Bruder und mich benutzt, unterdrückt und geschlagen, mein Vater hat die Augen verschlossen, das heißt, wenn er überhaupt mal zuhause war. 
Vorhin also das Gespräch mit meiner Tante. Das erste Mal seit langem hatte ich das Gefühl, dass sich jemand wirklich darum kümmert, was ich möchte, und wie ich mich fühle. Nicht jemand, der alles wegen beschissener "Harmonie" totschweigt. Sie hat mir erzählt, dass sie versucht hätte, meinen Vater umzustimmen.

- "Ich hab ihm auch schon gesagt, das geht nicht, das Mädel wird achtzehn, die kann doch wohl selber entscheiden, ob sie ihre Mutter dabeihaben will oder nicht!"
- "Ja, aber das interessiert ihn nicht. Er will lieber, dass alles Friede Freude Eierkuchen ist und wir uns alle lieb haben."
- "Dein Vater war sowieso schon immer so, schon als wir klein waren. Der will seine Ruhe, und dann ist alles gut. Aber das geht so einfach nicht. Ganz ehrlich, wenn jemand wie du seine Mutter nicht mehr sehen will... Also, so wie ihr früher immer zusammengehangen habt, und euer ganzes komisches Verhältnis, das ist doch nicht gesund! Ich könnte dir Geschichten erzählen, du... Sie wollte immer die Schlankste sein, immer figurbetonte Sachen, bloß um ihre eigenen Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren. Die hat sie nämlich."
- "Sie hat das ständig auf mich übertragen. Schon allein am Geburtstag: 'Ein zweites Stück Kuchen muss ja nun nicht sein, oder? So ganz leisten kannst du dir das ja nicht...' Und heute auch bei S. 'Setz dich gerade hin', 'Kippel nicht mit dem Stuhl', all sowas."
- "Genau das mein ich."
- "Weißt du, es war auch oft so, als ich kleiner war, dass sie die Treppe hinter mir raufgerannt ist, bis in mein Zimmer und dann wahllos draufgeschlagen hat. Eine Stunde später kam sie dann heulend wieder rein und hat sich entschuldigt."
- "Sie entschuldigt sich immer nur für ihr eigenes Gewissen. Eine ehrliche, von Herzen kommende Entschuldigung wirst du von ihr nicht hören, weil sie keine Fehler eingestehen kann. Aber wenn du reden möchtest, dann komm einfach mal bei mir vorbei, dein Vater ist da nämlich nicht so der richtige Ansprechpartner für."
- "Das ist das Problem. Er steckt alles immer so weg, und kann sich nicht vorstellen, dass jemand anderes an solchen Sachen ziemlich ersticken kann. Er wird das auch nie verstehen, oder zumindest wegen seiner Harmonie-Scheiße sowas sagen wie 'Das ist so lange her, langsam ist da auch mal Gras drüber gewachsen'."
- "Das ist es eben nicht. Da kann nicht einfach so Gras drüber wachsen wenn man das totschweigt. Und du hast das wirklich lange genug mitgemacht, du bist jetzt achtzehn, wie lange willst du denn noch nachgeben? Nur weil sie das nie macht?"

Wir haben noch weitergeredet, auch über die Sache mit der Beratungsstelle. Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen, hab es aber nicht getan. Wir haben uns verabschiedet und sie hat nocheinmal gesagt, dass sie mit meinem Vater reden würde, dass das so nicht weiterginge und dass ich zu ihr kommen könne, falls etwas wäre. Ich glaube nicht, dass ich das so schnell tun werde, aber ich weiß zumindest, dass wenigstens einer da ist, und mir helfen würde.



2 Kommentare:

  1. Das ist doch schonmal ein fortschritt...,oder?
    Ich meine jetzt weißt du das jemand da ist der dich auch in Sachen ''Mutter'' versteht...

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  2. pu, dieser text hat mich sehr berührt. väter sind meistens darauf bedachtet, die familie zusammen zuhalten und alles zu verschweigen, zu verstecken oder mit voller gewalt die zerbrochenheit der familie nur noch schlimmer macht. ich weiß nicht was "besser" ist, es ist beides grauenvoll, so etwas wünscht man niemand.
    aber es ist schön zu lesen, dass deine tante dich verstehen kann, wenn es schon nicht dein vater schafft, der dich zu sachen zwingst, und du die gewaltttätigen momente von früher wieder klar spürbar macht. ich wünschte er könnte sehen, wie sehr dich das in den abgrund reißt.

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