Mittwoch, 30.01.2013

Heute habe ich zum ersten Mal etwas gemacht, was die meisten unter euch schon ihr ganzes Leben lang tun, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen: Shoppen.

Um das zu Erklären, muss ich etwas weiter zurückgreifen. Als ich noch bei meiner Mutter gewohnt habe, und auch davor, als meine Eltern noch zusammengelebt haben, ist sie immer mit mir Klamotten einkaufen gegangen.
Szenario 1: Sie hat mir Sachen ausgesucht, die ich anprobieren sollte, durfte selbst keine aussuchen und habe mich nicht getraut, meine Wünsche zu äußern. Am Ende bin ich mit genau dem Tshirt, der Hose und der Jacke zur Schule gegangen, die sie schön und passend für ihr Kind fand.
Szenario 2: Ich habe mich getraut ihr zu sagen, dass ich zB ein Tshirt nicht anziehen wollte, dann wurde ich erst überredet, es nicht doch mal zu probieren, da es angezogen bestimmt anders aussehen würde. Wenn sie dann gemerkt hat, dass ich das Tshirt trotzdem nicht mag, ist sie wütend geworden und hat nur geschrien "Du undankbares Kind, wir kaufen dir jetzt gar nichts mehr, du verdienst das einfach nicht!" oder
Szenario 3: Sie hat darauf mit einem "Aha, Madame gefällt das also nicht?! Dann zeig du mir doch mal, was du schön findest." reagiert. Das war noch gefährlicher, denn hätte ich etwas ausgesucht, was mir gefallen und ihrer Vorstellung überhaupt nicht entsprochen hätte, dann hätte alles geendet wie bei Szenario 2. Also hab ich meistens Sachen ausgesucht, von denen ich wusste, dass sie ihr gefallen, was dann also wieder hieß, dass ich das trug, was ihr gefiel.

Im Endeffekt heißt das also, ich hatte nie wirklich die Chance, zu bestimmen, was ich anziehe, und mehr als ein Kleidungsstück auf einmal habe ich eh nie bekommen, da hätte ich etwas dazugeben müssen (je nach Gesamtpreis teilweise sogar die Hälfte). Dabei hätte sie sehr wohl genug Geld gehabt...
Jedenfalls ist es 17 Jahre lang so gelaufen - schwach, ich weiß... - bis ich zu meinem Dad gezogen bin. Der wollte es meistens nicht einmal sehen, hat nur gesagt "Solange es dir gefällt, ist es in Ordnung." Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, auch wenn es am Anfang unglaublich schwer war, mit einem Teil in die Umkleidekabine zu gehen, von dem ich wusste, dass meine Mutter mich dafür nur mit einem "Ohgott, findest du das etwa schön?!" angemeckert hätte.

Aber heute war es nochmal etwas anderes, die Freundin von meinem Dad hat mich spontan damit überrascht, dass sie mit mir eine neue Hose kaufen wollte, weil eine meiner alten vor ein paar Tagen kaputt gegangen ist. Irgendwie haben wir dann immer mehr Sachen aus den Regalen gezogen und ich hab ein immer schlechteres Gewissen bekommen, wegen diesen beschissenen eingetrichterten Sätze meiner Mutter, die mir durch den Kopf schwirrten.
Also habe ich irgendwann zu V. gesagt "Meinst du nicht, das kostet etwas viel? Ich brauche doch gar nicht so viel, ich habe doch noch genug im Schrank!" - "Nein! Genau das eben nicht, du hast in den letzten Wochen einiges abgenommen, guck, die Hose die du jetzt trägst ist auch zu weit, und allgemein kannst du dir das ruhig mal erlauben!"

Am Ende haben wir den Laden mit einer Risentüte verlassen, jetzt hab ich zwei neue schwarze Skinny Jeans, ein schwarzes Tshirt aus der Männerabteilung, was unglaublich gemütlich und kuschelig ist, und noch gefühlte 100 weitere Oberteile.
Als V. mich dann bei der Dienststelle von meinem Dad rausgelassen hat, habe ich Panik bekommen, weil ich diesen Kassenbon in der Hand hatte, diesen Preis gesehen hab und mich unglaublich schuldig gefühlt hab. Ich hab so gezittert, dass V. irgendwann gesagt hat "Es ist okey, ich nehm das zur Not auf mich, du hast keine Schuld, und dein Vater wird nicht meckern, versprochen."

Und was soll ich sagen, er hat sich fast gefreut, auch wenn es ihm nicht besonders gefiel, dass bis auf ein Oberteil alle Klamotten schwarz waren. Das war übrigens auch wieder etwas, was mich überrascht hat: Er war kein bisschen sauer, hat einfach nur gesagt "Ach, so viel buntes gekauft heute?" und hat gelacht. Es mag für euch völlig normal sein, aber für mich ist es etwas besonderes, und irgendwie etwas ganz neues. Auch wenn ich eigentlich weiß, dass ich nicht immer meine Befürchtungen und Erfahrungen mit meiner Mutter auf meinen Dad übertragen sollte, überrascht es mich jedes Mal, zu sehen, dass er eben nicht wie sie ist.
Er ist der beste Vater von allen, nicht wegen heute, nicht wegen Geld oder sonst etwas. Ich bin einfach verdammt froh, mit ihm geredet zu haben und zu wissen, dass er auf meiner Seite steht.

1 Kommentar:

  1. Da gibt es nichts, wofür du dich schuldig fühlen müsstest! Ich hoffe, du bist zufrieden mit den neuen Sachen. Trag sie, fühl dich wohl :)
    Übrigens gefällt mir dein Blog - und dein Musikgeschmack!!! - sehr gut. ♥

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