So, ich hab gerade ein wenig Zeit, also dachte ich mir, ich fang mal an mit dem Bericht.
Momentan arbeite ich auf einer der offenen psychiatrischen Stationen, da haben die Patienten eigentlich sehr viel Freiraum. Morgens um sieben wird geweckt, manche kommen dann aber auch nur zur Medikamenteneinnahme und gehen dann wieder schlafen, teilweise sogar bis mittags. Es gibt ziemlich viele verschiedene Therapiegruppen, die in Absprache mit den Patienten von den Therapeuten verordnet werden können, dazu zählen z.B. körperliche Aktivitäten wie therapeutisches Boxen oder progressive Muskelentspannung, aber auch kreative Gruppen, die dann malen, aus Speckstein und Holz Skulpturen machen oder Schmuck basteln. Die Therapiegruppen sind über den Morgen und Nachmittag verteilt, dazwischen finden noch alle zwei Tage die Einzelgespräche mit den Therapeuten statt. Auch wenn die Psychiater und Psychologen nicht da sind, zum Beispiel am Wochenende, können sich die Patienten immer ans Pflegepersonal wenden und reden, was meistens auch viele Patienten in Anspruch nehmen. Zu den Medikamenten lässt sich noch sagen, dass die Patienten keinesfalls den ganzen Tag völlig in Trance umherlaufen. Jede Medikamentenänderung wird zwischen Arzt und Patient ausführlich besprochen und niemand wird dazu gezwungen, etwas einzunehmen. Je nach Verordnung dürfen die Patienten auch den Tag über raus, und am Wochenende auch mal nach Hause, das nennt sich bei uns dann Belastungserprobung.
Auf der geschlossenen Station sieht das Ganze etwas anders aus. Die Essenszeiten sind genau eingeteilt und natürlich sind der Ein- und Ausgang der Station abgeschlossen. Normalerweise kommen Patienten nur dann auf die Station, wenn sie entweder stark alkoholisiert sind oder für den Moment eine starke Gefährdung für sich selbst und andere darstellen. Wenn also jemand kommt, der Suizidgedanken hat und sich schneidet, kommt er nur dann auf die geschlossene Station, wenn er oder sie nicht dafür garantieren kann, sich in der Klinik nichts anzutun. Auch hier laufen die Patienten in der Regel nicht vollkommen sediert herum. Wenn ein Patient aggressiv wird, die Medikamenteneinnahme verweigert und im Schlimmsten Fall sogar auf andere Leute losgeht, kann er fixiert werden, d.h. er wird quasi ans Bett gefesselt. Dies kann aber nicht einfach so passieren, sondern das Pflegepersonal muss zunächst einen richterlichen Beschluss dafür haben und muss später ausführlich dokumentieren, warum keine andere Lösung möglich war. Es gibt auch Fälle, in denen die Patienten der Fixierung zustimmen, weil sie selbst merken, dass sie eine Gefahr darstellen. Was es nicht gibt, sind solche komischen Gummizellen und Zwangsjacken. Es gibt auch keine endlosen, weißen Flure und kahle weiße Wände überall. Nur um mal mit diesen Film-Klischees aufzuräumen.
Das heißt, um nochmal das zusammenzufassen, was wahrscheinlich die meisten von euch interessieren wird:
- Wenn ein Patient noteingewiesen wird, der versucht hat, sich umzubringen, kommt er zunächst auf die geschlossene Abteilung.
- Sobald er sich aber als absprachefähig erweist, sprich, glaubhaft versichern kann, dass er oder sie sich nicht beim nächsten Ausgang vor die Bahn wirft oder Ähnliches, dann folgt die Verlegung auf eine offene Station, manchmal schon nach einigen Tagen.
- Wenn ein Patient mit Suizidgedanken und Depressionen sich selbst einweist und wenn man diesem Patienten glauben kann, dass er sich bei Verschlechterung der Symptomatik sofort an den Therapeuten oder ans Pflegepersonal wendet, kann auch dieser Patient erstmal auf eine offene Station.
- Wenn ein Patient sich selbst entlassen will, ist das jederzeit möglich, es sei denn, es besteht ein richterlicher Unterbringungsbeschluss, was aber in der Regel nur bei den Patienten der Fall ist, die eine akute Fremdgefährdung darstellen.
Oh, und es laufen auch nicht alle in weißen Hemden herum, wie man das manchmal in Filmen sieht. Jeder trägt seine Alltagskleidung, selbst das Personal.
All das bezieht sich natürlich nur auf die Klinik, in der ich momentan arbeite, es kann also durchaus sein, dass ihr das irgendwo schon anders erlebt habt. Falls noch irgendwas unklar ist, könnt ihr gerne nachfragen (:


Tut mir Leid, falls Du das schon mal geschrieben hast und ich trotzdem nachfrage.. aber machst du zur Zeit ein FSJ oder Praktikum oder in welchem Rahmen arbeitest Du da? :)
AntwortenLöschenIch mach da im Moment einen Bundesfreiwilligendienst, also ein Jahr lang (:
LöschenKlingt nach dem tollsten Beruf der Welt, ein BuFDi ist ja ähnlich wie ein FSJ, sollen wir tauschen? Du betreust kleine, nervige Kinder und gammelst rum weil nichts zutun ist, und ich arbeite in der Psychiatrie? Das ist gut, oder?
AntwortenLöschen♥
Ähhm ne :D Wir haben auch oft nichts zu tun und manchmal ist es echt gruselig. Wir haben eine, die ist so alt wie ich und keiner weiß was mit der ist aber die steht immer ganz plötzlich hinter dir und guckt dich böse an. Aber ne, ich tausch nicht :P
LöschenHerz zurück ♥