Es war der zweite Weihnachtstag, morgens hat mich meine Tante abgeholt, den Nachmittag gab es dann Bescherung, das heißt, meine Oma, meine Tante, meine Cousine, mein Bruder und V., die Freundin von meinem Dad, sind zu uns nach Hause gekommen, dann ging es ans Auspacken.
Abends hat V. mich zurück zum Krankenhaus gefahren. Irgendwie kam das Gespräch dann auf meine Mutter.
- "Ja, sie hat mir was geschenkt und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das nicht lieber zurückgeben soll..."
- "Wie habt ihr das denn am Geburtstag gemacht?"
- "Naja, ich hab ihr gesagt, dass ich nichts geschenkt haben möchte.. Eigentlich wollte ich sie auch nicht einladen..."
- "Dann verstehe ich nicht, warum sie meint, dir jetzt was schenken zu wollen. Papa hat mir das erzählt, dass du den Kontakt immer mehr abwehrst, auch wie du an Weihnachten geguckt hast, als er sie doch kurz reingebeten hat. Weißt du, als sie deine Oma bei euch abgesetzt hat."
- "Ja.. Ich versteh das auch nicht, ich hab das doch extra so arrangiert dass ich sie nicht sehen muss, plötzlich guckt sie durch die Wohnzimmertür und ruft ihr scheinheiliges "Hallo! Frohe Weihnachten!" Und als sie die Reaktion bemerkt hat, hat sie meinen Vater nur angeguckt, große Augen gemacht, dieses oho, da hat wohl jemand schlechte Laune-Gesicht aufgesetzt und ist wieder gegangen. Ich verstehe nicht, wieso Papa sie reingelassen hat. Ich mach das doch nicht aus irgendeiner pubertären Laune raus!"
- "Weißt du, das Problem ist, dass Papa sich nicht vorstellen kann, was da los ist. Er hat gemerkt, dass du dich verändert hast, aber er denkt, dass das mit Frankreich zu tun hat. Man merkt aber, dass das was tieferes ist. Deine Oma hat mir da was erzählt..."
An dem Punkt hab ich geschluckt, aus dem Autofenster geschaut und versucht, keine Träne durch meine Wimpern entwischen zu lassen.
- "Achso... Hat sie dir das auch gesagt?" (Für die, die nicht wissen, worum es geht: Hier klicken!)
- "Ja. Soll ich noch mit hochkommen?"
Verwirrt schaute ich nach vorne. Wir standen auf dem Parkplatz des Krankenhauses. Ich schluckte.
- "Mhh... Aber nur, wenn du etwas Zeit hast. Also, nicht, wenn du nicht willst."
- "Hätte ich sonst gefragt?"
Wir stiegen aus dem Auto und gingen zum Eingang. Plötzlich wurde mir heiß.
- "Das ist das falsche Krankenhaus."
- "Was?"
- "Das hier ist das R.-Klinikum. Ich muss zum B.-Krankenhaus! Tut mir Leid, ich hätte was sagen sollen, ich war total in Gedanken..."
- "Na, gut dass ich mit ausgestiegen bin. Dann komm, lass uns losfahren."
Auf dem Zimmer angekommen sprudelte alles aus mir heraus. Ich erzählte ihr von den Machtspielen meiner Mutter, der Unterdrückung, der ganzen Manipulation, von ihren Anfällen.
- "Dann ist sie mir immer auf der Treppe hinterhergerannt, ich hab eine Riesenangst gehabt, ich konnte nie wieder mit meinem Bruder Verstecken spielen, ohne dabei Panikattacken zu bekommen. Ich hab mich immer in seinem Schrank versteckt, und wenn er die Treppen hochgepoltert ist, hatte ich immer so ein Gefühl "Jetzt ist es aus, endgültig aus." und kurz bevor er die Schranktür aufgerissen hat, dachte ich immer, mein Herz bleibt stehen und ich kippe einfach tot aus dem Schrank. Es war schrecklich. Und es ist bis vor einigen Monaten noch so gewesen, dass ich nachts extreme Panikattacken hatte, ich dachte immer, das Mädchen von The Ring würde bei mir im Zimmer auftauchen, oder im Bad aus der Toilette kommen - völlig albern."
- "Moment, das verstehe ich nicht ganz. Was hat das jetzt damit zu tun?"
- "Naja, ich war schon mehrmals bei einer Beratungsstelle und der Mann dort hat mich darauf gebracht, dass das von meiner Mutter kommt. Die Angst war nämlich nicht, zu sterben, sondern einfach dieses nicht-fliehen-können. Hier hab ich mir Strategien ausgedacht, vermeintliche Fluchtwege, um Sicherheit zu haben, die Tür abschließen, das Licht anlassen. Damals ging das nicht. Egal, was ich versucht hätte, ich hätte vor ihr nicht abhauen können. Einen Schlüssel für das Zimmer hatte ich noch nicht, unterm Bett hätte sie mich rausgezogen und im Schrank hätte sie mich auch gefunden. Ich konnte einfach nicht weg. Und das wird jetzt einfach durch diese The Ring-Panik widergespiegelt. Und Papa war ja damals die ganze Zeit auf der Arbeit, er hat das nie mitbekommen, ihre ganzen dreckigen Spiele, die sie abgezogen hat, wo sie S. (meinen Bruder) und mich gegeneinander aufgehetzt hat und was noch alles."
- "Meinst du nicht, wir sollten mal mit ihm reden?"
- "Ich weiß nicht. Ich habe Angst. Ich will ihm nicht wehtun, und irgendwie habe ich Angst. Ich weiß, dass ich dazu keinen Grund habe, aber ich kann mich einfach nicht überwinden..."
- "Das ist, weil du die Angst vor deiner Mutter jetzt auf Papa überträgst. Soll ich mal mit ihm reden? Er ist nämlich gar nicht so gereizt, das ist einfach seine Art, er meint das nicht böse. Er weiß ja auch gar nicht, wie er mit dir umgehen soll, er hat deine ganze Kindheit verpasst, die du im Prinzip nicht hattest, und ist jetzt seit etwas mehr als einem Jahr wieder Vater geworden, von einem Mädchen, das fast erwachsen ist und was er eigentlich kaum kennt. Ich kann gern mit ihm reden, wenn du magst."
- "Danke."
Ich konnte die Tränen nicht mehr aufhalten, leise flossen sie meine Wangen runter, also drehte ich mein Gesicht weg. Plötzlich spürte ich einen Arm um meine Schultern und eine Stimme leise, dicht an meinem Ohr.
- "Es ist okey, ich rede mit Papa, es ist gut, dass du endlich geredet hast, wir wussten schon so lange, dass etwas nicht stimmt, aber ich werde mit Papa reden, er wird nicht zulassen, dass deine Mutter nochmal irgendwie an dich rankommt."
Wir verabschiedeten uns, ich machte den Fernseher zur Ablenkung an und schlief wenig später ein.
Am nächsten Morgen wurde ich von dem Oberarzt geweckt, der mir kurz auf dem Bauch herumdrückte um dann festzustellen, dass ich in ein paar Stunden operiert werden würde. Er hätte keine Ahnung, was es wäre, aber das würde man dann per Bauchspiegelung feststellen und gleich beheben. Erst als die Schwester mit einem kurzärmeligen OP-Hemd ankam, wurde mir klar, was das hieß. Ich fing an, panisch zu werden. ich wollte nicht, dass mich noch jemand mit kurzen Ärmeln sah, schon gar nicht mein Dad, den das Krankenhaus bestimmt schon angerufen hatte. Der Arme, sitzt nachher da und wartet und muss dann sowas sehen, das konnte ich ihm doch nicht antun! Ohne wirklich nachzudenken, nahm ich mein Handy und rief V. an.
- "Hey, was ist los?"
- "Ich werd gegen Mittag operiert. Aber ich möchte nicht, dass Papa kommt."
- "Was, wieso das?"
- "Ich.. ich weiß nicht, wie ich das sagen soll..."
- "Komm, du weißt doch, dass du mit mir reden kannst!"
- "Ich... mein Arm... der ist nicht mehr ganz... heile..."
- "Wie meinst du das?"
- "Naja... vernarbt halt."
- "Wer hat dir das angetan?"
- "... Ähm... Das war ich selbst."
- "Ach Mensch! Papa muss heute arbeiten, der wird frühestens ab 16h da sein können. Ich regel das, okey? Mach dir keine Sorgen, konzentrier dich auf die OP, beruhige dich, ich kümmer mich darum. Achso, noch was. Papa weiß das, ich weiß das auch. Deine Mutter hat uns das erzählt."
- "WAS? Die hat mir immer damit gedroht, dass wennn ich irgendwem davon erzähle, sie mich rauswirft, mir Taschengeld streicht und was nicht noch alles!"
- "Ja... Deine Mutter ist eine Person, der das Gerede der Leute über alles geht. Sie tut alles, um nicht schlecht dazustehen, und auf diese Weise kann sie kontrollieren, wer davon erfährt. Indem sie dich einschüchtert, hat sie die volle Entscheidungskraft, wer was erfährt und wer nicht, weil sie sicher ist, dass du nichts sagst."
- "Ich weiß... Das war schon immer so..."
- "Genau, da hast du recht. Aber jetzt versuch bitte, da erstmal nicht dran zu denken, ich rede mal mit Papa und wir setzen und dann alle zusammen an einen Tisch, ok? Alles Gute für die OP!"
Mit diesen Worten legte sie auf.
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| at least not yet... |


Ich freue mich sehr, dass du endlich die Möglichkeit bekommen hast zu reden, dein Herz zumindest zu einem Bruchteil ausschütten zu können. Das mag jetzt vielleicht komisch klingen, aber vielleicht war das, der Krankenhausaufenthalt, ja Schicksal und gewollt - wer weiß... Jedenfalls drücke ich dir auf deinem weitern Weg ganz doll die Daumen, du bist ein tolles Mädchen! ♥
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