Review 21.07. - 28.07.2012
Nachdem ich angekommen war, brachten wir kurz meinen Koffer nach Hause und sind dann einkaufen gefahren, weil B.'s Eltern ihr so gut wie nichts zu Essen dagelassen hatten. Das, was da war, hätte nicht mal für einen einzelnen Menschen für zwei Tage ausgereicht. Nur zur Erinnerung, die Eltern hätten eigentlich genug für eine Woche für sie dalassen müssen. Oder zumindest etwas Geld zum Nachschub kaufen. Aber denen ist es ja eh komplett egal, was aus ihr wird. Wie auch immer, wir sind dann zur Kirmes am Rhein gefahren und als allererstes auf den Shaker gegangen, aber auch nur, weil B. mich überredet hat, weil ich nämlich eigentlich viel zu viel Angst vor sowas schnellem habe (und auch vor hohen Fahrgeschäften). Sie redete mir also die ganze Zeit ein, dass wir keine Überschläge machen würden, wenn wir den Wagen nicht noch zusätzlich schaukeln würden. Aber dann wurde dieses Ding immer schneller und schneller und ich hab immer mehr Panik bekommen. Als wir dann irgendwann endlich da runter waren, hatten wir doch zwei Überschläge gemacht. Ich war einfach nicht mehr in der Verfassung, auch nur mit noch einer einzigen Bahn zu fahren. Also haben wir uns noch unsere gebrannten Mandeln geholt, die wir jedes Mal kaufen, wenn wir zusammen auf der Kirmes sind, und sind dann nach Hause gefahren, wo wir dann später noch zusammen gekocht haben. Nach dem Essen haben wir dann noch einen Horrorfilm geguckt, ich hab ziemliche Angst gehabt, aber mit B. war das Ganze etwas weniger gruselig und ein wenig mehr kuschelig. Gegen ein Uhr nachts sind wir dann zusammen eingeschlafen. Endlich wieder.
Das Erste, was ich morgens sah, war B.'s Gesicht. Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd. Meine Kleine. Leise und vorsichtig nahm ich meinen iPod und steckte mir einen Kopfhörer ins Ohr. "Du bist einfach unersetzlich, du bist wie ein Teil von mir. Für dich schlägt mein Herz", sangen Silbermond leise in mein Ohr. Plötzlich schlug meine Freundin ihre Augen auf. "Mini, du weinst ja! Was ist denn los?" murmelte sie, halb verschlafen, halb erschrocken. "Alles in Ordnung. Es ist einfach so schön, wieder zuhause zu sein. Ich liebe dich", antwortete ich. Sie kuschelte sich an mich, legte ihren Kopf auf meine Brust und schlang ihre Arme um meinen Körper. Ich hörte nur noch ein flüsterndes "Ich dich auch. Meine Mini...", dann fing sie leise an zu schnarchen. Ich strich ihr durch ihre Haare und ließ sie noch eine Weile schlafen. Ein paar Stunden später klingelte der Wecker, ich war anscheinend auch eingeschlafen. B.'s weiche Lippen drückten sich auf meine Wange. "Wach auf, Mini! Wir müssen doch zu L.!" Nachdem wir dann gefrühstückt hatten, sind wir losgefahren. L. wohnt nur ein paar Straßen weiter, jeden Sonntag ist bei ihm die Bandprobe. Wir sind länger dageblieben als sonst, diesmal hatten wir ja auch mehr Zeit. Ich musste schließlich nicht am Sonntagabend schon wieder fahren. Und ich liebe es, B. zu beobachten, während sie Schlagzeug spielt, dafür konnte ich mir also besonders viel Zeit nehmen. Später sind wir in die Altstadt gefahren, unseren Sonntags-Bubble-Tea trinken gehen. Sonst trinken wir nie welchen, immer nur an den Sonntagen, die ich bei ihr verbringe. Wir haben komplett andere Geschmäcker und doch machen wir uns jedes Mal einen Spaß daraus, den Tee der jeweils anderen zu probieren, nur um festzustellen, dass der eigene doch der beste ist. Den Abend haben wir auf dem Balkon verbracht, mit einer Schachtel Mentholzigaretten und ein paar Dosen Cola.
Einen anderen Tag sind wir dann weggefahren, in einen anderen Stadtteil, und sind da durch die Billigläden gelaufen, einfach, um uns die hässlichsten Klamotten und das unnötigste Spielzeug rauszusuchen und uns darüber kaputt zu lachen. Spätabends haben wir uns dann Pizza bestellt, und sind damit in den Park gelaufen. B. hatte schreckliche Angst, dass jemand uns da umbringt, bis dann ihr Handy geklingelt hat und wir nach Hause rennen mussten, weil sonst ihre Mutter gemerkt hätte, dass sie nachts noch unterwegs ist. B. hat ihr dann aber erzählt, sie wäre nur kurz duschen gewesen, und alles war wieder in Ordnung. Wir sind dann nach dem telefonat noch mal raus, haben uns in ein kleines Café gesetzt und eine Cola getrunken. Das hört sich jetzt vielleicht völlig bescheuert an, aber irgendwie war es einfach magisch. Wie ein erstes Date, nur schöner. Ich habe mich nochmal in sie verliebt, so blöd das jetzt klingt, und ich wusste nicht, dass man sich so intensiv nochmal in jemanden verlieben kann, mit dem man eigentlich schon einige Zeit zusammen ist. Wir saßen einfach da, haben uns in die Augen gesehen, alles war still, niemand da, nur wir beide und ganz leise, irgendwo im Hintergrund, ein bisschen Musik. A really magic moment.
Am Mittwoch war dann eine Freundin von B. da, die auch über nacht geblieben ist. Wir haben zu dritt einen kleinen Ausflug gemacht, und da wir wegen der Hitze nur Tshirts getragen haben, wurden wir angestarrt wie die Tiere im Zoo. Am schlimmsten war es bei B., einfach, weil es kaum ein Stück Haut an ihren Armen gibt, was nicht aufgeschnitten ist. Dicke weiße und rote Linien, selbst von weitem deutlich zu sehen. Dann R., deren linker Oberarm genauso ein Schlachtfeld ist. Wo einmal riesige Klaffen gewesen sein müssen, waren nun immer noch dicke rosarote Striemen zu sehen. Und dann kamen ich und mein linker Unterarm, noch am harmlosesten im Gegensatz zu den anderen beiden. Mein Herzchen-Branding. B. hat genau das gleiche, allerdings an ihrem rechten Arm. Wie auch immer, für mich war es jedenfalls das erste Mal, dass ich dieses Sommer so richtig ärmellos durch die Gegend gelaufen bin, und zusammen mit den beiden anderen, in einer Stadt, die mich nicht kennt, schien es fast nichts besonderes mehr zu sein. Zumindest bist zu dem Punkt, an dem drei komische Hipster-Kinder mit ausgestrecktem Finger auf uns deuteten und riefen "Igitt, seht auch die Arme mal an. Widerlich, diese Emos, eh!" Ich verstehe sowas einfach nicht. Ich mein, jeder weiß doch eigentlich, dass solche Narben nicht aus Spaß entstehen. Hinter jeder Narbe steckt eine Geschichte, ein Stück Verzweiflung und Hass. Wie kann man jemanden noch mit sowas aufziehen? Wie ignorant diese Menschen sind...
Wie auch immer, nachts haben wir Black Swan geguckt, und noch irgendeinen anderen Film, aber R. und ich sind mittendrin eingeschlafen. Irgendwann bin ich kurz aufgewacht, weil B. sich mit Bettdecke und Kopfkissen auf meinen Sofaabschnitt gequetscht hat, aber wir sind gleich darauf eng aneinander gekuschelt wieder eingeschlafen. Ich wurde erst wieder wach, als B. mich sanft auf die Wange küsste und leise flüsterte: "Mausi? R. und ich waren schonmal einkaufen. Möchtest du einen Donut?" Ich konnte mich leider nicht lange mit frühstücken aufhalten, weil B. um 12h einen Termin bei ihrer Psychologin hatte, und ich ja schließlich mitkommen sollte. Der Termin war ja extra in der Zeit angesetzt worden, in der ich bei B. war. Ihre Therapie war zwar beendet, aber sie hatte alle zwei Monate noch die Möglichkeit, einen Notfall-Termin zu nehmen, und es erschien uns passend, diesen so zu legen, dass ich mitkommen konnte. Die Frau war wieder sehr nett, hat mir auch ein wenig zugehört und uns am Ende mit ein paar guten Tipps auf den Weg geschickt. Weniger gut war dann allerdings, dass B. von dem ganzen Gespräch ziemlich aufgewühlt war und es ihr daher dementsprechend schlecht ging. Trotzdem sind wir nicht gleich schlafen gegangen, sondern haben ns im Internet ein Restaurant ausgesucht, in dem man Ofenkartoffeln essen kann, da meine Freundin einen Riesenappetit auf so eine hatte, und dann sind wir dort hingefahren. Es war richtig schön, zwar war das Restaurant direkt an einem Fußballplatz, trotzdem war es keine Spotbar, kein Vereinsheim o.ä., sondern ein richtig, kleines Restaurant. Wir haben dann auf der Terrasse gesessen und haben die Sonne genossen, niemand hat irgendwelche Bemerkungen gemacht, wegen der Arme, keiner hat geguckt. Und das hat gut getan. Nach drei Tagen Dauerstress deswegen war es einfach mal schön, wieder normal behandelt zu werden. Als wird fertig waren und gemerkt haben, dass wir noch ein bisschen Zeit bis zum obligatorischen Anruf von B.'s Mutter sind wir noch zur Psychiatrie gefahren, in der B. nach ihrem Suizidversuch war und die im gleichen Stadtteil wie das Restaurant war, nur ein paar Haltestellen weiter. Zuerst haben wir den Wald gesehen. Es klingt immer wie ein Klischee, Klapse und Wald, aber dieser Wald war echt und er war gruselig. Irgendwie hat er etwas böses an sich gehabt. Und dann hat B. mir von den Menschen erzählt, die sich dort erhängt haben. Das war kein Schauermärchen, kein Film, das war echt. Plötzlich erschienen Bilder in meinem Kopf und mich packte eine Panik, die ich nicht kannte. "Ich will hier weg", sagte ich zu B. Wir liefen in Richtung der Gebäude, da B. mir die geschlossene Abteilung zeigen wollte. Ein kahles weißes Betongebäude. "Hier war mein Zimmer." B. deutete mit ihrem Finger auf eines der Fenster. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. "Lass uns gehen. Mir gefällt das hier alles nicht." Ich hoffe, ich muss sie niemals hier besuchen kommen...
Den Freitag haben wir ziemlich im Bett verbracht. So richtig aufgestanden sind wir erst um halb sieben - abends. Wir sind dann schnell noch was einkaufen gefahren und haben später noch einen Nachtspaziergang gemacht. Da sind wir dann einer ziemlich gruseligen Oma begegnet, die ohne aufzuschauen still und heimlich durch die Straßen geschlichen ist, wie ein Geist. Nach diesem Zusammentreffen hatte B. solche Angst, dass wir wieder nach Hause gegangen sind. Wir haben uns dann mit dem scharfen Küchenmesser auf den Balkon gesetzt und geraucht und geredet. Gegen vier Uhr morgens am Samstag haben wir uns dann noch für ein paar Stunden schlafen gelegt, nur um dann um acht wieder aufzustehen, zum Hauptbahnhof zu fahren und uns bei McDonald's ein Frühstücksmenü mit Pancakes zu gönnen. Wieder zuhause haben wir dann aufgeräumt, meinen Koffer gepackt und es uns dann noch mal bei einer Tasse warmem Kakao auf dem Sofa gemütlich zu machen, was ja bekanntlich besonders schön ist, wenn es regnet. 'Ne Runde Assi-TV mit Decke und Kuscheln und gegen 14h dann wieder los, um zu Mittag zu essen. Die Pommes von der besten Pommesbude der Stadt. Wir haben uns den Rest der Woche so ungewöhnlich gesund ernährt (bis auf die Pizza), da konnten wir uns ruhig wieder unsere Pommes gönnen.
Etwas später, auf den Bänken am Hauptbahnhof nahm B. meine Hand. "Du kommst doch wieder, oder?" - "Natürlich. Weißt du doch. 12 Tage, Mini." - "Ja... 12 Tage." Wir wiederholen es immer wieder. "Nur 12 Tage." ... "Wann kommt dein Zug, Mini?" - "In 10 Minuten." - "Ich liebe dich, meine Mini-Maus." - "Ich dich auch, Mini." - "Schaffen wir das?" - "Natürlich." Wir küssten uns noch einmal, während der Zug einfuhr. Dann nahm sie meinen Koffer und wir gingen auf die Türen zu, aus denen die Leute strömten. Als alle ausgestiegen waren, stieg ich ein, stellte meinen Koffer ab und blieb in der Tür stehen. Ein letzter Blick nach draußen. An den anderen Türen drängten sich noch so viele Leute. Ich griff nach der Hand meiner Freundin und zog sie zu mir. Ein letzter Kuss. Dann trat sie einen Schritt zurück und die Tür schloss sich zwischen uns. Zwölf Tage sagten ihre Lippen. Zwölf Tage flüsterte ich ebenfalls und machte mit den Fingern ein Herz. Sie machte es mir nach, während der Zug langsam anfuhr. Ein paar Schritte lief sie noch mit, dann gab sie auf, der Zug wurde zu schnell. Ich würde nun meine Reise antreten, 3 Stunden und 45 Minuten, bis ich die 400km, die uns trennten, zurückgelegt hatte. Eine einzelne Träne lief über meine Wange. 12 Tage.


Hey, danke für den Kommentar.
AntwortenLöschenEs freut mich sehr wenn ich Leute dazu motivieren kann über ihr Essen nach zu denken. Ich für mich kann nur sagen, dass ich es nie bereut habe., im Gegenteil, es gibt einem ein sehr gutes Gefühl.
Und wenn du mal Hilfe brauchst weil du zum Beispiel für igendwas keinen Ersatz findest, kannst du dich gerne bei mir melden :)
Ich hoffe du bleibst dabei!
Alles liebe, Alyeska
http://silenceseemsloud.blogspot.de/